
Freundschaft: Entwicklung und Bedeutung für Kinder und Jugendliche
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Einleitung
Freundschaft gehört zu den wichtigsten Erfahrungen in der Kindheit und Jugend. Zugleich ist sie ein wichtiger Entwicklungsindikator: Die Qualität von Freundschaften sagt oft viel über die soziale und emotionale Entwicklung eines Kindes aus. Hat das Kind stabile Beziehungen? Wird es ausgeschlossen? Kann es Konflikte lösen? Fühlt es sich verstanden und zugehörig? Freundschaften können einerseits dazu beitragen, das Selbstwertgefühl von Kindern zu fördern sowie soziale und emotionale Kompetenzen zu entwickeln. Andererseits können Schwierigkeiten im Freundeskreis Kinder stark belasten. Gerade Eltern berichten häufig indirekt über soziale Schwierigkeiten: „Er hat keine Freunde.“ „Sie zieht sich zurück.“ „Er wird oft missverstanden.“ „Sie fühlt sich anders als die anderen.“ Diese Beobachtungen liefern für uns bei TALENT SAFARI wertvolle diagnostische Hinweise. Gerade bei Themen wie ADHS, Hochbegabung, Autismus, emotionalen Belastungen oder schulischen Problemen spielen soziale Beziehungen oft eine zentrale Rolle. In diesem Blogartikel beleuchten wir, was Freundschaft eigentlich bedeutet, wie sie sich entwickelt und wie Eltern ihre Kinder dabei unterstützen können.
Was Freundschaft bedeutet
Freundschaft ist mehr als die Zeit, die zwei Personen gemeinsam verbringen. Die freundschaftliche Interaktion ist gekennzeichnet durch Reziprozität, ein Geben und Nehmen. Zwei Menschen mögen sich und wollen mehr Zeit miteinander verbringen als mit anderen. Sie empfinden Zuneigung zueinander und haben gemeinsam Spaß (Bukowski et al., 1996).
Freundschaften sind für Kinder und Jugendliche weit mehr als nur gemeinsame Freizeit oder „jemanden zum Spielen haben“. Beziehungen zu Gleichaltrigen helfen Kindern dabei, sich emotional sicher und zugehörig zu fühlen (Siedler et al., 2021). Gute Freundschaften können Stress, Einsamkeit und das Gefühl, allein zu sein, verringern. Sie geben Halt in schwierigen Situationen und stärken das Selbstwertgefühl (Hartup, 1996; Kingery et al., 2011). Gleichzeitig lernen Kinder durch Freundschaften viel über sich selbst – zum Beispiel, wie sie auf andere wirken, was ihnen wichtig ist und wie Beziehungen funktionieren (Lohaus & Vierhaus, 2019). Studien zeigen außerdem, dass stabile Freundschaften in der Kindheit langfristig mit einer besseren psychischen Gesundheit verbunden sein können (z.B. Bagwell et al., 1998).
Wie sich Freundschaften über die Zeit entwickeln
Eine zentrale Kompetenz, die das Verständnis von Freundschaft prägt, ist die Fähigkeit der Perspektivübernahme. Diese zeigt sich unter anderem darin, die Einstellungen und Gefühle des Gegenübers, sowie die Wechselseitigkeit einer Freundschaft verstehen zu können (Rubin et al., 2015). Laut Selmans Stufentheorie der Perspektivübernahme lernen Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren, dass andere Menschen eine andere Perspektive einnehmen. Im Laufe der Zeit lernen sie, über die Perspektiven anderer Menschen nachzudenken und sie zu vergleichen (Siegler et al., 2021). Erst mit der Entwicklung der sozialen Perspektivübernahme spielt die Wechselseitigkeit einer Freundschaft eine größere Rolle und es können stabile Freundschaften entstehen (Lohaus & Vierhaus, 2019).
Schon viel früher, etwa im Alter von zwölf Monaten, entwickeln Kinder ein Verständnis dafür, wie Emotionen, Wünsche, Überzeugungen und Wahrnehmungen das Verhalten beeinflussen. Man nennt dies „Theory of Mind (ToM)“ (Siegler et al., 2021). Sie steht im Zusammenhang mit sozialer Kompetenz (Lohaus & Vierhaus, 2019). In einer Studie von Fink und Kollegen (2015) zeigte sich, dass Kinder, mit besonders schwacher ToM-Fähigkeit im Alter von fünf Jahren die darauffolgenden Jahre keine Freunde hatten. Dieses Ergebnis zeigt, dass das mentale Verstehen Anderer entscheidend ist für den Aufbau, die Aufrechterhaltung und die Stabilität von Freundschaften (Fink et al., 2015).
Freundschaften im Vorschulalter
Schon im Alter von zwei Jahren oder jünger können sich Freundschaften entwickeln. Die befreundeten Kinder lächeln sich an, berühren sich und interagieren mehr miteinander als mit anderen Kindern (Hay et al., 2018). Diese Interaktionen folgen jedoch keinerlei Regeln (Lohaus & Vierhaus, 2019). Nach und nach entwickeln die Kinder weitere Fähigkeiten, die ihnen soziale Interaktionen ermöglichen, wie beispielsweise das Imitieren des Verhaltens des Spielpartners (Seehagen & Herbert, 2011).
Mit drei oder vier Jahren können Kinder „beste Freunde“ haben. Sie beurteilen diese Freundschaften positiver als die Beziehungen zu anderen Kindern. Beste Freundschaften sind einflussreicher als andere, sie weisen eine größere Unterstützung und Exklusivität auf. Kinder, die einen besten Freund oder eine beste Freundin haben sind meist beliebter unter Gleichaltrigen und verhalten sich prosozialer (Sebanc et al., 2007).
Freundschaften im Grundschulalter
Im Grundschulalter lässt sich feststellen, dass Kinder mit ihren Freunden effektiver zusammenarbeiten als mit nicht-Freunden. Sie sprechen mehr und positiver miteinander und die Interaktion beruht mehr auf Gegenseitigkeit, während sie eine Aufgabe bearbeiten (Hartup, 1996; Rubin et al., 2015). Kinder definieren ihre Freunde in diesem Alter überwiegend über die gemeinsam verbrachte Zeit. Langsam werden gleiche Interessen, Einstellungen und Werte zu haben und die Bedürfnisse des anderen zu kennen, wichtiger. Hier baut sich Reziprozität, Loyalität und gegenseitige Unterstützung auf (Gummerun & Keller, 2008; Rubin et al., 2015).
Freundschaften in der Adoleszenz
Jugendliche verbringen zunehmend weniger Zeit mit ihren Familienmitgliedern und dafür mehr Zeit mit Freunden (Lohaus & Vierhaus, 2019). Sie finden ihre Freunde vor allem in der Schule. Aber auch die Online-Welt wird immer mehr genutzt, um Freunde zu finden und zu treffen (Lenhart, 2015). Freundschaft bedeutet in diesem Alter zunehmend den anderen verstehen zu wollen, sowie Persönliches und Privates preisgeben zu können (Rubin et al., 2015). Jugendliche konzentrieren sich nun mehr auf wenige enge Freundschaften und die wahrgenommene Qualität der Beziehungen verbessert sich von der mittleren zur späten Adoleszenz (Rubin et al., 2015; Way & Greene, 2006).
Wahl der Freunde
Die Faktoren, die für die Wahl der Freunde eine Rolle spielen, unterscheiden sich je nach Altersgruppe und auch das Verständnis von Freundschaft wird immer komplexer (Rubin et al., 2015). Generell sind Kinder vor allem mit Gleichaltrigen befreundet, die freundlich zu ihnen sind, ihre Interessen teilen und auch im (Spiel-)Verhalten ähnlich sind (Hartup, 1996; Rubin et al., 2015). Auch das Geschlecht hat einen Einfluss auf die Wahl der Freunde. Mädchen sind häufiger mit Mädchen befreundet und Jungen häufiger mit anderen Jungen (Martin et al., 2013). Freundschaften zwischen kleineren Kindern ergeben sich oft zwischen Kindern, die in einer Spielgruppe oder Nachbarschaft sind. Die räumliche Nähe ist hier besonders bedeutsam und hat bis ins Jugend- und Erwachsenenalter einen großen Einfluss (Siegler et al., 2021).
Chancen und Risiken von Freundschaften
In einer Gruppe lernen Kinder miteinander zu kooperieren und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Dabei lernen Kinder auch, wie Gruppen funktionieren: wann es wichtig ist, sich durchzusetzen, wann man Rücksicht nehmen muss und wie man sich in eine Gruppe einfügt oder Verantwortung übernimmt. Auch Emotionsregulations-, sowie Konfliktlösefähigkeiten werden geschult (Rubin et al., 2015). Kinder mit guten und stabilen Freundschaften lernen oft besser, mit schwierigen Situationen umzugehen. Sie erleben, wie man sich gegenseitig unterstützt, Hilfe anbietet oder selbst um Hilfe bittet – ohne Streit, Rückzug oder verletzendes Verhalten (Glick & Rose, 2011). Außerdem lernen Kinder durch Freundschaften, welche Verhaltensweisen im Umgang mit anderen wichtig sind, zum Beispiel Rücksichtnahme, Vertrauen oder Fairness (Mc Donald et al., 2007).
Kinder arbeiten oft konzentrierter und erfolgreicher zusammen, wenn sie mit Freunden lernen oder Aufgaben bearbeiten. Sie sprechen mehr miteinander, hören einander besser zu und können sich leichter auf gemeinsame Ideen einigen. Dadurch entstehen häufig kreativere Lösungen und eine angenehmere Zusammenarbeit (Hartup, 1996). Freundschaften können sich außerdem positiv auf die Motivation, das Engagement und die Leistungen in der Schule auswirken (Kingery et al., 2011).
Freundschaften können Kinder und Jugendliche stärken – sie können aber auch problematische Verhaltensweisen beeinflussen. Zum Beispiel kann sich ein ungesunder Medienkonsum in einer Freundesgruppe schnell verstärken (Snyder et al., 2008): Wenn sich Freunde hauptsächlich online treffen, stundenlang gemeinsam spielen oder ständig über soziale Medien in Kontakt stehen, fällt es Kindern oft schwer, Grenzen einzuhalten. Besonders Jugendliche orientieren sich stark an ihrer Peergroup und möchten dazugehören. Dadurch kann exzessiver Medienkonsum leichter zur Gewohnheit werden und sich langfristig verfestigen. Es ist jedoch nicht klar, ob sich Kinder diese Freunde aussuchen, weil sie ihnen selbst ähnlich sind oder ob sie während der Freundschaft diesen Kindern ähnlicher werden (Siegler et al., 2012).
Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung
Inwiefern Kinder von Gleichaltrigen gemocht werden, hängt vor allem von Attraktivität, Sportlichkeit und Beliebtheit der Freunde ab, aber auch vom Sozialverhalten und der Persönlichkeit des Kindes. Manche Kinder finden leicht Anschluss, andere haben häufiger Schwierigkeiten im sozialen Miteinander (Siegler et al., 2021).
Beliebten Kindern gelingt es oft gut, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften aufrechtzuerhalten. Sie können meist gut auf andere eingehen, gemeinsame Interessen finden und soziale Situationen angemessen gestalten (Rubin et al., 2015).
Andere Kinder erleben häufiger Ablehnung durch Gleichaltrige. Sie reagieren in Konflikten manchmal impulsiv, gereizt oder verletzend und tun sich schwer damit, Streit konstruktiv zu lösen. Dabei gibt es unterschiedliche Formen: Manche Kinder fallen eher durch aggressives oder störendes Verhalten auf, andere ziehen sich zurück, wirken schüchtern, unsicher oder ängstlich.
Es gibt außerdem Kinder, die in Gruppen eher „übersehen“ werden. Sie sind weder besonders beliebt noch deutlich abgelehnt, halten sich aber oft im Hintergrund und haben weniger soziale Kontakte oder Unterstützung durch Gleichaltrige.
Wieder andere Kinder erleben beides gleichzeitig: Sie sind in ihrer Gruppe einerseits beliebt und wirken humorvoll oder durchsetzungsstark, geraten andererseits aber auch häufiger in Konflikte oder zeigen störendes Verhalten.
Warum soziale Kontakte manchen Kindern schwerer fallen
Soziale Kontakte und Freundschaften entwickeln sich nicht bei allen Kindern gleich leicht. Gerade bei bestimmten Entwicklungsbesonderheiten oder psychischen Belastungen kann das soziale Miteinander herausfordernder sein. Kinder mit ADHS geraten zum Beispiel durch Impulsivität, starke Emotionen oder Schwierigkeiten beim Einhalten sozialer Regeln häufiger in Konflikte. Sie erleben oft Ablehnung oder Ausgrenzung. Freundschaft wird dadurch zu einem zentralen Belastungsfeld – oft noch belastender als schulische Probleme.
Hochbegabte Kinder fühlen sich manchmal „anders“ als Gleichaltrige oder finden schwer passende Gesprächs- und Interessenspartner. Auch Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum wünschen sich häufig Freundschaften, erleben soziale Beziehungen jedoch oft anders als Gleichaltrige. Schwierigkeiten beim Verstehen sozialer Signale, unausgesprochener Regeln oder nonverbaler Kommunikation können dazu führen, dass Kontaktaufbau und Freundschaften anstrengender oder missverständnisanfälliger werden. Emotionale Probleme wie Ängste, Unsicherheit oder depressive Stimmung können ebenso dazu führen, dass Kinder sich zurückziehen oder soziale Situationen vermeiden. Hinter sozialen Schwierigkeiten steckt deshalb oft mehr als „fehlende soziale Kompetenz“ – häufig spielen individuelle Bedürfnisse, Temperament und Entwicklungsbedingungen eine wichtige Rolle.
4 Tipps für Eltern
Wie können Eltern bei Freundschaften ihres Kindes unterstützen? Eltern können Freundschaften sicher nicht erzwingen, aber sie können ihrem Kind helfen, soziale Erfahrungen zu machen und sich in Beziehungen sicherer zu fühlen.
- Eltern können soziale Begegnungen aktiv erleichtern, zum Beispiel Verabredungen organisieren, gemeinsame Hobbys fördern, kleinere Gruppen bevorzugen, feste soziale Räume schaffen. Gerade Kinder mit ADHS, Ängstlichkeit oder sozialer Unsicherheit profitieren oft davon.
- Eltern können soziale Situationen vorbereiten. Manche Kinder brauchen konkrete Unterstützung: Wie frage ich jemanden zum Spielen? Wie steige ich in ein Gespräch ein? Was kann ich tun, wenn ich abgelehnt werde? Solche Situationen können spielerisch geübt werden.
- Eltern können Vorbild sein. Kinder beobachten sehr genau, wie Erwachsene Konflikte lösen, Grenzen setzen, über andere sprechen, Beziehungen gestalten. Soziale Kompetenzen werden stark modellgelernt.
- Wichtig ist auch, dass Eltern die Gefühle ihrer Kinder ernst nehmen. Wenn Kinder von Ausgrenzung oder Streit erzählen, hilft oft zunächst Verständnis wie beispielsweise „Das hat dich wirklich verletzt“ oder „Ich verstehe, dass du traurig bist“.
Fazit
Freundschaften und soziale Beziehungen sind häufig eng mit dem emotionalen Wohlbefinden, dem Selbstwertgefühl und dem schulischen Alltag von Kindern verbunden. Deshalb greifen wir bei TALENT SAFARI das Thema in unserer Arbeit regelmäßig auf – sei es im Rahmen der Diagnostik, in Beratungsgesprächen mit Eltern oder in Trainings mit Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam schauen wir darauf, welche sozialen Stärken bereits vorhanden sind, wo Herausforderungen bestehen und wie Kinder dabei unterstützt werden können, stabile und positive Beziehungen aufzubauen. Denn soziale Zugehörigkeit ist ein wichtiger Baustein für eine gesunde Entwicklung.
Maja Krause & Dr. Katharina Reschke
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Referenzen
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