
Selbstwert: Warum er so wichtig ist – und wie man ihn stärkt
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Einleitung
Der Selbstwert eines Kindes ist ein zentraler Baustein für eine gesunde emotionale Entwicklung. Er beschreibt, wie Kinder und Jugendliche über sich selbst denken, wie viel sie sich zutrauen und welchen Wert sie sich selbst beimessen. Ein stabiler Selbstwert hilft jungen Menschen, mit Rückschlägen umzugehen, soziale Beziehungen aufzubauen und Herausforderungen mutig zu begegnen.
In der Veränderungsarbeit mit Kinder- und Jugendlichen spielt der Selbstwert daher eine wichtige Rolle: Häufig zeigen sich Probleme wie Schulangst, Leistungsdruck, sozialer Rückzug oder starke Selbstzweifel auch als Ausdruck eines verletzlichen Selbstwertgefühls. Genau hier setzt gezielte psychologische Unterstützung an.
Bei TALENT SAFARI unterstützen wir Kinder, Jugendliche und ihre Eltern dabei, Stärken sichtbar zu machen, Selbstvertrauen aufzubauen und belastende Denk- und Verhaltensmuster zu positiv verändern. Dafür nehmen wir stets auch den Selbstwert und die Ressourcen in den Fokus. In diesem Blogartikel erfahren Sie mehr darüber, wie Selbstwert entsteht, warum er so wichtig ist und welche praxisnahen Strategien Eltern nutzen können, um gerade Jugendliche gezielt zu stärken.
„Bin ich gut genug?“
Diese Frage begleitet viele Kinder und Jugendliche. Gerade in der Pubertät machen viele Jugendliche zum ersten Mal sehr intensiv Erfahrungen mit der Frage nach dem eigenen Wert. Sie spüren, dass das kindliche Selbstverständnis ins Wanken gerät und beginnen, sich neu zu orientieren. Typische Themen in dieser Phase sind vielfältig und oft miteinander verknüpft:
Vergleich mit anderen
Jugendliche vergleichen sich in dieser Zeit besonders stark mit anderen – mit Freund:innen, Mitschüler:innen, aber auch mit Vorbildern aus Medien und Social Media. Aussehen, schulische Leistungen, sportliche Fähigkeiten oder Beliebtheit werden zum Maßstab. Gerade Instagram, TikTok oder YouTube prägen heute das Bild davon, was „schön“, „erfolgreich“ oder „beliebt“ bedeutet. Häufig entsteht dabei der Eindruck, andere seien viel selbstbewusster, attraktiver oder talentierter. Für Jugendliche kann das zu Selbstzweifeln führen: „Bin ich gut genug?“ Wer in diesen Vergleichen vermeintlich schlechter abschneidet, kann schnell das Gefühl entwickeln, nicht gut genug zu sein.
Dabei ist wichtig zu wissen: Auf Social Media zeigen Menschen meist nur die besten Momente – gefiltert, bearbeitet und ausgewählt. Der Vergleich ist also oft unfair und verstärkt die Unsicherheit. Lesen Sie hierzu auch gerne unseren Blogartikel „Social Media und Körperbild (nicht nur) bei Mädchen“ oder unseren zweiteiligen Blogartikel „Medien und digitale Zukunft“.
Selbstzweifel
Die körperlichen Veränderungen, hormonellen Schwankungen und emotionalen Unsicherheiten dieser Zeit wirken direkt auf das Selbstwertgefühl. Kleine Rückschläge oder kritische Kommentare können größer erscheinen, als sie tatsächlich sind.
Suche nach Identität
Fragen wie „Wer bin ich?“, „Was macht mich besonders?“ oder „Wofür möchte ich stehen?“ gewinnen an Bedeutung. Jugendliche probieren sich aus, wechseln Interessen und Rollen, um herauszufinden, was zu ihnen passt.
Bedeutung von Anerkennung
Rückmeldungen aus dem sozialen Umfeld sind in dieser Phase besonders prägend. Lob, Ermutigung oder auch Kritik von Freund:innen, Familie oder Lehrkräften haben großen Einfluss darauf, wie wertvoll Jugendliche sich fühlen.
Innere Entwicklung
Mit der Zeit beginnen Jugendliche, eigene Maßstäbe zu entwickeln. Sie entdecken, dass ihr Wert nicht nur durch äußere Rückmeldungen bestimmt wird, sondern auch durch innere Ressourcen: ihre Stärken, Interessen und persönlichen Werte. Dieser Schritt ist entscheidend für ein stabiles Selbstwertgefühl.
Dabei ist der Selbstwert eine entscheidende innere Ressource:
- Er schützt vor psychischen Krisen,
- fördert Motivation und Beziehungen,
- und hilft, Rückschläge zu überwinden.
Die gute Nachricht: Sie als Eltern können viel tun, um den Selbstwert ihres Kindes zu stärken.
Was bedeutet „Selbstwert“?
Der Begriff Selbstwert beschreibt die Bewertung der eigenen Person (Rosenberg, 1965). Es geht darum, wie sehr ich mich selbst mag und akzeptiere. Ein stabiles Selbstwertgefühl bedeutet, sich realistisch und wohlwollend einzuschätzen – nicht perfekt zu sein.
Selbstwert ist keine einzelne Eigenschaft, sondern setzt sich aus verschiedenen Teilaspekten zusammen, die gemeinsam das Bild von uns selbst prägen:
- Selbstkonzept: Wissen über sich selbst („Ich bin gut in Mathe.“)
- Selbstwertgefühl: Gefühl von Wertigkeit („Ich bin okay.“)
- Selbstwirksamkeit: Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit („Wenn ich übe, werde ich besser.“)
Modelle zum Selbstwert
In der psychologischen Literatur finden sich Modelle, mit deren Hilfe man Selbstwert
- Das Selbstwertmodell von Dr. William James (1890) beschreibt Selbstwert als Verhältnis zwischen unseren Erfolgen und unseren Ansprüchen. Selbstwert steigt, wenn unsere Leistungen unsere persönlichen Ziele erfüllen oder übertreffen, und sinkt, wenn unsere Ansprüche höher sind als das, was wir erreichen. Daraus folgt: Man kann den Selbstwert entweder steigern, indem man mehr Erfolg erlebt oder indem man seine Ansprüche anpasst.
- Das Vier-Säulen-Modell von Potreck-Rose und Jacob (2025) beschreibt Selbstwert als Zusammenspiel von vier zentralen Bereichen: Selbstakzeptanz (sich selbst mit Stärken und Schwächen annehmen), Selbstvertrauen (das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten), soziale Kompetenz (Fähigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten und Beziehungen zu gestalten) und soziales Netz (unterstützende Bindungen zu Familie und Freund:innen). Diese Säulen tragen gemeinsam dazu bei, ein stabiles Fundament für innere Stärke zu schaffen.
- Diese Modelle verdeutlichen: Selbstwert ist trainierbar.
Wie entwickelt sich Selbstwert?
Die Selbstwertentwicklung verläuft nicht gleichmäßig:
- Im Kindesalter wächst der Selbstwert meist an – oft sogar etwas überoptimistisch (Xia, Poorthuis & Thomaes, 2024). Ähnlich wie beim Selbstkonzept überschätzen sich viele Kinder noch, weil sie ihre Fähigkeiten und Grenzen nicht realistisch einschätzen können. Sie vergleichen sich weniger kritisch mit anderen und orientieren sich stärker an der positiven Rückmeldung ihrer Eltern. Das führt dazu, dass sie sich oft selbstbewusster fühlen, als es objektiv betrachtet der Fall ist.
- In der Pubertät ist er oft schwankend – soziale Vergleiche (Festinger, 1954) und Kritik wirken stark. In der Pubertät wird das Selbstbild differenzierter: Jugendliche nehmen Unterschiede klarer wahr, vergleichen sich stärker mit Gleichaltrigen und reagieren empfindlicher auf Kritik. Dadurch wirkt der Selbstwert in dieser Lebensphase schwankender und verletzlicher.
- Im jungen Erwachsenenalter stabilisiert er sich wieder (Orth et al., 2018).
Einflussfaktoren
- Eltern-Kind-Beziehung – Liebe und Wertschätzung bilden die Basis.
- Freundschaften – Zugehörigkeit stärkt.
- Feedback – Anerkennung und konstruktive Kritik wirken prägend.
- Erfolge – besonders in Bereichen, die dem Kind wichtig sind.
Warum ist Selbstwert so wichtig?
Studien der letzten Jahre zeigen: Kinder und Jugendliche mit starkem Selbstwertgefühl sind …
- gesünder (weniger Ängste, Depressionen) (Henriksen et al., 2017).
- resilienter (bessere Stressbewältigung) (Liu et al., 2021).
- sozialer (leichter Freundschaften knüpfen) (Luijten et al., 2023).
- motivierter (mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten) (Booth & Gerard, 2011).
Umgekehrt bestehen folgende Risiken bei einem niedrigen Selbstwert: Sozialer Rückzug, Selbstzweifel und eine erhöhte Anfälligkeit für psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Essstörungen (Hess et al., 2017).
Was Eltern konkret tun können
Eltern sind die wichtigsten Wegbegleiter für ein gesundes Selbstwertgefühl. Deswegen haben wir die folgenden Tipps für den Familienalltag:
- Unbedingte Wertschätzung zeigen, z. B. „Ich habe dich lieb, egal wie deine Note ausgefallen ist.“
- Anstrengung loben statt nur das Ergebnis, z. B. „Du hast dir richtig Mühe beim Referat gegeben – toll!“
- Fehler erlauben und normalisieren, z. B. eigene kleine Missgeschicke erzählen, um zu zeigen, dass Fehler normal sind.
- Positive Eigenschaften und Stärken benennen, z. B. „Du bist sehr aufmerksam, wenn jemand traurig ist.“
- Gutes Vorbild sein, z. B. indem Sie zeigen, wie Sie selbst freundlich mit sich umgehen, wenn etwas nicht klappt.
Kleine Übungen für zu Hause
- Schatzkiste der Stärken
> Zettel mit den Stärken des Kindes sammeln – in schwierigen Momenten kann diese Kiste Mut machen. - Drei Dinge vom Tag
> Abends gemeinsam drei positive Erlebnisse nennen. Das trainiert den Blick für das Gute. - Sätze für mehr Selbstmitgefühl
> In stressigen Momenten daran erinnern: „Es ist okay, dass du traurig bist – das geht vorbei.“ - Bewegung & Sport
> Regelmäßige Aktivität stärkt auch das Selbstwertgefühl, wie auch ein Vielzahl an Studien belegt (z. B. Lubans et al., 2016).
Selbstwert als Teil von Trainingsmaßnahmen
Möchte man Kinder und Jugendliche nachhaltig unterstützen, ist die Stärkung des Selbstwertgefühls ein zentrales Ziel von Veränderungsarbeit. Viele emotionale oder soziale Schwierigkeiten hängen damit zusammen, wie Kinder und Jugendliche über sich selbst denken und welchen Wert sie sich zuschreiben. In der Therapie geht es deshalb häufig darum, negative Selbstbilder zu verändern, persönliche Stärken sichtbar zu machen und neue positive Erfahrungen zu ermöglichen.
Dabei kommen verschiedene wissenschaftlich fundierte Methoden zum Einsatz. In der kognitiven Verhaltenstherapie lernen Kinder und Jugendliche beispielsweise, negative Gedankenmuster zu erkennen und Schritt für Schritt zu verändern. Häufig entdecken sie dabei, dass kritische innere Stimmen oder Selbstzweifel nicht immer der Realität entsprechen.
Ein weiterer wichtiger Ansatz ist das soziale Kompetenztraining (z. B. nach Hinsch & Pfingsten, 2015). Hier üben Kinder und Jugendliche in geschütztem Rahmen, selbstbewusst aufzutreten, eigene Bedürfnisse zu äußern und sicherer im Umgang mit anderen Menschen zu werden. Solche Erfahrungen stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Auch Achtsamkeit und Selbstmitgefühl spielen in modernen Trainings- und Förderkonzepten eine zunehmende Rolle. Kinder und Jugendliche lernen dabei, mit sich selbst freundlicher umzugehen, Fehler als Teil des Lernens zu akzeptieren und sich nicht ausschließlich über Leistung zu definieren.
Ein wesentlicher Bestandteil erfolgreicher Therapie ist außerdem die Einbeziehung der Eltern. Wenn Eltern verstehen, wie sie ihr Kind im Alltag unterstützen und ermutigen können, entsteht ein stärkendes Umfeld, das die positiven Effekte der therapeutischen Arbeit nachhaltig verstärkt.
Fazit
Ein starkes Selbstwertgefühl ist das beste Fundament für ein gesundes Aufwachsen. Es hilft Kindern und Jugendlichen, Krisen zu meistern, Freundschaften zu pflegen und an sich selbst zu glauben. Eltern sind dabei die wichtigsten Unterstützer – mit Liebe, Wertschätzung und kleinen Alltagsritualen.
Bei TALENT SAFARI unterstützen wir Familien mit fundierter psychologischer Diagnostik, individueller Beratung und gezielten psychologischen Trainings zur Stärkung von Selbstwert, Resilienz und emotionaler Kompetenz. Gemeinsam schauen wir, welche Stärken bereits vorhanden sind und wie Kinder lernen können, sich selbst mehr zu vertrauen. In unseren Gesprächen und Trainings erhalten Eltern zudem konkrete, alltagstaugliche Strategien, um die Entwicklung ihres Kindes nachhaltig zu unterstützen. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind dabei zusätzliche Begleitung gebrauchen könnte, dann vereinbaren Sie gerne einen Termin bei uns. Wir begleiten Sie auf dem Weg zu mehr innerer Stärke.
Lisa Klink
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Referenzen
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Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human Relations, 7, 117–140.
Henriksen, I. O., Ranøyen, I., Indredavik, M. S. & Stenseng, F. (2017). The role of self-esteem in the development of psychiatric problems: A three-year prospective study in a clinical sample of adolescents. Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health, 11, 68.
Hess, U., Leplow, B. & von Salisch, M. (2017). Allgemeine Psychologie II: Motivation und Emotion. Stuttgart: Kohlhammer.
Hinsch, R. & Pfingsten, U. (2015). Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK): Manual für die Durchführung von sozialen Kompetenztrainings. Weinheim: Beltz.
James, W. (1890). The Principles of Psychology. New York, NY: Henry Holt.
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Lubans, D. R., Richards, J., Hillman, C. H., Faulkner, G., Beauchamp, M. R., Nilsson, M. et al. (2016). Physical activity for cognitive and mental health in youth: A systematic review of mechanisms. Pediatrics, 138, e20161642.
Luijten, C. C., van Harmelen, A.-L., Branje, S., Meeus, W. & Koot, H. M. (2023). Adolescents’ friendship quality and over-time development of well-being: The explanatory role of self-esteem. Journal of Youth and Adolescence, 52, 1872–1886.
Orth, U., Erol, R. Y. & Luciano, E. C. (2018). Development of self-esteem from age 4 to 94 years: A meta-analysis of longitudinal studies. Psychological Bulletin, 144, 1045–1080.
Potreck-Rose, F. & Jacob, G. (2025). Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen: Psychotherapeutische Interventionen zum Aufbau von Selbstwertgefühl. Stuttgart: Klett-Cotta.
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Xia, M., Poorthuis, A. M. G. & Thomaes, S. (2024). Children’s overestimation of performance across age, task, and historical time: A meta-analysis. Child Development. Advance online publication.
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