2 Jugendliche beim Wandern auf einem Berg - Coping bei Kindern & Jugendlichen

Coping bei Kindern und Jugendlichen: Stress bewältigen, Resilienz stärken

Lesezeit: 10 min

Einleitung 

Kinder und Jugendliche stehen heute vor einer Vielzahl von Herausforderungen – schulischer Leistungsdruck, soziale Medien, familiäre Veränderungen oder globale Krisen. Dabei brauchen sie Strategien, um mit Belastungen gut umgehen zu können. Entscheidend ist dabei weniger, ob Stress entsteht, sondern vielmehr, wie junge Menschen damit umgehen. Das ist ein zentraler Teil der Arbeit bei der TALENT SAFARI. Jeder junge Mensch verfügt dabei über Stärken, die helfen, schwierige Situationen zu bewältigen. Die bewusste Förderung solcher Coping-Strategien bildet die Grundlage für psychisches Wohlbefinden. Dabei kann zwischen gelungenen Coping-Strategien (Hilfe einholen, Atemübungen) und weniger geeigneten (Wut an anderen auslassen, negative Selbstgespräche unterschieden werden.

Coping-Strategien können auch auf TALENT SAFARI erlernt, geübt und verstärkt werden. Dann geht es vor allem darum,  dass Kinder und Jugendliche Unterstützung erfahren, ihre eigenen Ressourcen zu entdecken und zu nutzen. Der ressourcenorientierte Blick der Ranger der TALENT SAFARI auf Coping-Strategien bedeutet, vorhandene Stärken in den Mittelpunkt zu rücken, statt nur auf die Defizite zu schauen. In diesem Blogartikel soll es genau darum gehen: Wie können Kinder und Jugendliche in ihren Coping-Strategien als Ressource gestärkt werden, um schwierige Situationen zu bewältigen? Ein erster Schritt, um Kinder und Jugendliche wirksam in ihrer Stressbewältigung zu unterstützen, ist, zu verstehen, was Coping eigentlich bedeutet.

Was bedeutet Coping überhaupt?

Unter Coping versteht man den individuellen Umgang mit Stress, genauer gesagt kognitive Prozesse und Handlungen, die helfen sollen, Stress zu bewältigen. Coping wird dabei als Teil der sozialen Kompetenzen gesehen. Coping-Strategien sind somit individuelle Stressbewältigungsstrategien in schwierigen und belastenden Situationen (Beelmann, 2019). Dabei werden verschiedene Arten von Coping-Strategien beschrieben. Zum einen findet im Rahmen des Coping eine individuelle Anpassung an die Situation statt oder die Umweltbedingungen werden angepasst oder verändert. Coping bezeichnet dabei jede angewandte Strategie, unabhängig vom Erfolg.

Es wird zwischen problemorientiertem und emotionsfokussiertem Coping unterschieden. Problemorientiertes Coping bezieht sich dabei darauf, konkret zu handeln und so dem Stressauslöser entgegenzuwirken. Beispiele hierfür sind das Erstellen eines Lernplans für eine anstehende Prüfung oder aktiv Hilfe zu holen bei Freunden, Eltern oder Lehrkräften. Emotionsorientiertes Coping bezieht sich hingegen auf die inneren Reaktionen und Emotionen in der Situation beziehungsweise deren Regulierung. Beispiele dafür sind die Nutzung von Entspannungstechniken oder Gespräche mit jemandem über die Situation und die damit verbundenen Gefühle. Beide Coping-Formen sind dabei gleichwertig und notwendig (Klingenberg & Süß, 2020; Milek & Bodenmann, 2018). Entscheidend ist, dass die Kinder und Jugendlichen lernen, beide Strategien flexibel anzuwenden und zu spüren, wann aktives Handeln und wann emotionale Selbstfürsorge gefragt ist (Klingenberg & Süß, 2020).

Das transaktionale Stressmodell 

Damit Coping-Strategien wirklich verstanden werden können, lohnt sich ein Blick auf die psychologischen Mechanismen, die in Verbindung mit Stress und seiner Bewältigung stehen. Hier kommt das transaktionale Stressmodell nach Lazarus und Folkman (1984) ins Spiel. In diesem Modell ist die Wahrnehmung und Bewertung von Situationen für das Empfinden von Stress zentral. Es wird postuliert, dass Kinder und Jugendliche Stress nicht einfach in schwierigen Situationen wahrnehmen. Vielmehr hängt Stress damit zusammen, wie ein Kind die Situation wahrnimmt und bewertet. Dabei können die Reaktionen auf die gleiche Situation bei verschiedenen Kindern unterschiedlich ausfallen. Stress ist demnach immer ein Zusammenspiel von äußeren Anforderungen und innerer Einschätzung.

Das Modell unterscheidet dabei zwei Bewertungsprozesse:

(1) Primäre Bewertung

Hierbei prüft das Kind, ob eine Situation relevant, gefährlich oder herausfordernd ist. Die Wahrnehmung entscheidet, ob Stress überhaupt entsteht. Ein neutral bewertetes Ereignis löst kaum Stress aus, während ein als Bedrohung empfundenes Ereignis zu starken Emotionen führen kann.

Beispiel: Ein Kind steht vor einer Klassenarbeit. Es kann die Situation als „keine große Sache“ wahrnehmen oder als „sehr stressig und bedrohlich“.

(2) Sekundäre Bewertung

In diesem Schritt überlegt das Kind, ob und wie es die Situation bewältigen kann mit den Ressourcen, die ihm zur Verfügung stehen. Wenn das Kind das Gefühl hat, ausreichend Ressourcen zu haben, entsteht weniger Stress. Fühlt es sich überfordert, steigt das Stresslevel.

Beispiel: Das Kind denkt darüber nach, ob es die Klassenarbeit bestehen kann – durch Lernen, Nachfragen oder Üben.

(3) Coping als aktive Anpassung

Nachdem die Bewertungen erfolgt sind, setzt das Kind Coping-Strategien ein, um mit der Situation umzugehen. Hier kommen die bereits genannten problemorientierten und emotionsorientierten Coping-Strategien ins Spiel.

Beispiel: Das Kind kann für die Klassenarbeit lernen, sich organisieren, einen Lernplan erstellen oder um Hilfe fragen. Außerdem kann es sich beruhigen, ablenken und mit Eltern oder Freunden über die mit der Klassenarbeit verbundenen Gefühle sprechen (Lazarus & Folkman,1984).

Das Modell zeigt also, dass Stress nicht nur von äußeren Ereignissen abhängt, sondern vor allem  davon, wie Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten, Ressourcen und die Situation einschätzen. Zu Stress kommt es, wenn die vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten in einer als potenziell stressig wahrgenommenen Situation als unzureichend angesehen werden. Eltern, Lehrer und Bezugspersonen haben Einfluss auf beide Bewertungsprozesse. Sie können Sicherheit, Unterstützung und Strategien vermitteln und somit dem Kind helfen, Stress realistisch einzuschätzen und konstruktiv zu bewältigen. Die gute Nachricht: Stressbewältigung kann erlernt werden. Indem Eltern ihre Kinder in sicheren Rahmenbedingungen unterstützen, sie ermutigen und Möglichkeiten zum Üben anbieten, stärken sie langfristig die Coping-Kompetenzen ihrer Kinder (Lohaus, Domsch & Fridrici, 2007).

Forschung zu Coping und Resilienz bei Jugendlichen

Eine zentrale Frage in Bezug auf das transaktionale Stressmodell und Coping-Strategien ist, wie wirksam diese Strategien wirklich sind. Genau da setzt wissenschaftliche Forschung an. Die Forschung zeigt ganz klar: Coping-Strategien sind entscheidend für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Kinder und Jugendliche, die lernen, mit Stress umzugehen, zeigen weniger Angst, depressive Symptome und Verhaltensprobleme. Nicht erfolgreiche Coping-Strategien, wie etwa Rückzug, Vermeidung und Unterdrückung der Emotionen, stehen in Zusammenhang mit höheren Ausprägungen psychischer Symptome (Compas et al., 2017).

Auch die Entwicklung von Coping-Strategien hängt stark vom Umfeld ab. Kinder und Jugendliche, die positive Vorbilder haben, emotionale Sicherheit erfahren und in der Familie Unterstützung bekommen, lernen effektiver, mit Stress umzugehen. Auch konnten diese Kinder und Jugendlichen stressige Situationen besser bewältigen, ihre Coping-Strategien waren häufiger erfolgreich. Kinder, die ihre Fähigkeiten erkennen und erleben, dass sie etwas tun können, um schwierige Situationen zu bewältigen, entwickeln die Fähigkeit, auch in belastenden Situationen stabil und handlungsfähig zu bleiben.

Kinder und Jugendliche, die in ihrem Umfeld den Raum bekommen haben, Strategien zum Umgang mit Stress zu lernen, wendeten in schwierigen Situationen aktive Coping-Strategien an. Sie suchten aktiv nach Hilfe und suchten nach Problemlösungen. Auch zeigte die Forschung, dass Emotionen eng mit den Coping-Strategien verbunden sind (Gruhn & Compas, 2020; Zimmer-Gembeck, Lees & Skinner, 2017).

Ressourcenorientierter Blick auf Coping-Strategien

Wenn Kinder und Jugendliche mit Stress und Belastungen zu tun haben, richtet sich der Blick oft zuerst darauf, was nicht gut läuft: Das ängstliche Verhalten, der Rückzug, die Wut oder die Überforderung. Ein ressourcenorientierter Blick bedeutet, den Fokus umzulenken, weg vom Defizit und hin zu dem, was schon gelingt. Denn jedes Kind hat persönliche Stärken und Fähigkeiten, die ihm helfen, schwierige Situationen zu bewältigen (Erhart, Wille & Ravens-Sieberer, 2008).

Coping entwickelt sich schrittweise. Kinder lernen mit der Zeit, wie sie mit Herausforderungen umgehen können. Manche malen, manche bewegen sich, andere suchen das Gespräch, manche ziehen sich kurz zurück. Diese unterschiedlichen Strategien sind wertvolle Ressourcen, an die man anknüpfen kann.

Ein ressourcenorientierter Ansatz fragt also:

  • Was hilft dem Kind oder Jugendlichen schon jetzt, mit Stress umzugehen?
  • Wann hat es schon einmal geschafft, sich selbst zu beruhigen und eine Lösung zu finden?
  • Welche Menschen, Orte oder Tätigkeiten geben dem Kind oder Jugendlichen Kraft?

Indem Eltern und Fachkräfte solche Stärken wahrnehmen und gezielt fördern, wächst das Vertrauen des Kindes in seine eigenen Fähigkeiten, es erlebt Selbstwirksamkeit. Das Kind oder der Jugendliche kann selbst etwas tun, dass es ihm besser geht. Genau diese Erfahrung ist zentral für gesundes Coping. In Bezug auf das genannte Stressmodell zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche Situationen durch gutes Coping als weniger bedrohlich und sich selbst als handlungsfähiger wahrnehmen. Das hilft, Herausforderungen nicht als Überforderung, sondern als lern- und bewältigbare Aufgabe zu sehen. Ressourcenorientiertes Coping ist also mehr als eine Methode, es ist eine Haltung, die Kindern und Jugendlichen zeigte: “Du hast bereits vieles in dir, das dir hilft. Wir entdecken es gemeinsam” (Lohaus, Domsch & Fridrici, 2007).

Coping in der Therapie mit Kindern und Jugendlichen

In der Therapie geht es nicht nur darum, Probleme zu besprechen oder Symptome zu verringern. Vor allem Kinder und Jugendliche brauchen einen Raum, in dem sie lernen dürfen, wie sie mit Stress, Angst oder Traurigkeit umgehen können, also ihre Coping-Strategien zu entdecken und weiterzuentwickeln. Therapeuten begleiten Kinder und Jugendliche dabei als Entdeckungshelfer, oder bei der TALENT SAFARI als Ranger: Gemeinsam schauen sie, welche Strategien schon funktionieren und entwickeln neue dazu. Dabei geht es nicht um die perfekte Lösung, sondern um kleine Schritte, die Mut machen,

  • herauszufinden, was hilft, wenn die Gefühle zu stark werden (z. B. tiefes Atmen, Bewegung, Musik, ein vertrautes Kuscheltier)
  • über belastende Situationen zu sprechen und eigene Gedanken besser zu verstehen
  • oder zu lernen, Hilfe zu holen, wenn etwas zu schwierig ist, um es alleine zu bewältigen.

Kinder und Jugendliche lernen so, dass sie nicht ausgeliefert sind, sondern aktiv etwas tun können, damit es ihnen besser geht. Diese Erfahrung der Selbstwirksamkeit ist ein zentraler Baustein in der Therapie. Therapeutisches Arbeiten mit Coping ist dabei immer spielerisch, kreativ und altersgerecht: Über Geschichten, Rollenspiele, Zeichnen, Stärkentagebücher oder Musik hören. So können Kinder und Jugendliche Gefühle ausdrücken, ohne sie nur in Worte fassen zu müssen. Sie merken, dass ihre individuellen Wege ernst genommen werden.

Ein wichtiger Teil ist außerdem das Einbeziehen der Eltern oder wichtiger Bezugspersonen. Denn Coping gelingt besser, wenn Kinder und Jugendliche auch zu Hause Unterstützung erfahren. Wenn die Eltern die kleinen Fortschritte wahrnehmen, gemeinsam üben und Verständnis zeigen, entsteht ein stabiles Netz, das das Kind trägt. So wird Therapie zu einem Ort, an dem Kinder und Jugendliche neue Bewältigungsstrategien ausprobieren, eigene Ressourcen entdecken und Vertrauen in sich selbst entwickeln (Härter et al., 2015).

Fazit

Coping-Strategien sind wie ein innerer Werkzeugkasten, den Kinder und Jugendliche mit der Zeit füllen. Manche Werkzeuge sind schon da, andere müssen erst noch entdeckt oder geübt werden. Dabei hilft die TALENT SAFARI. Wir schauen uns den Werkzeugkasten gemeinsam mit dem Kind oder Jugendlichen an und entdecken weitere Werkzeuge. Jedes Kind und jeder Jugendliche bringen Potenzial mit, um mit Belastungen umzugehen, sich anzupassen und an Herausforderungen zu wachsen. Dabei unterstützt die TALENT SAFARI, um die Kinder und Jugendlichen für ihren weiteren Lebensweg zu stärken.

Wenn Eltern, pädagogische und therapeutische Fachkräfte gemeinsam den Blick auf Stärken, Fähigkeiten und Erfolge richten, verändert sich etwas Grundlegendes: Die Kinder und Jugendlichen erleben, dass nicht nur die Probleme im Vordergrund stehen, sondern dass auch ihre Stärken gesehen werden. So wird ein psychologisches Training bei der TALENT SAFARI, genauso wie das tägliche Miteinander, zu einem Raum, in dem Kinder Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit aufbauen können. Das sind nicht nur Fähigkeiten für den Moment, sondern lebenslange Schutzfaktoren für psychische Gesundheit und Wachstum.

Julia Hartmüller

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Referenzen

Beelmann, A. (2019). Entwicklung und Förderung der Sozialentwicklung im Vor- und Grundschulalter. In B. Kracke & P. Noack (Hrsg.), Handbuch Entwicklungs- und Erziehungspsychologie (S. 147−162). Heidelberg: Springer.

Compas, B. E. et al. (2017). Coping, emotion regulation, and psychopathology in childhood and adolescence: A meta-analysis and narrative review. Psychological Bulletin, 143, 939–991. https://doi.org/10.1037/bul0000110

Erhart, M., Wille, N. & Ravens-Sieberer, U. (2008). Empowerment bei Kindern und Jugendlichen – die Bedeutung personaler und sozialer Ressourcen und persönlicher Autonomie für die subjektive Gesundheit. Das Gesundheitswesen, 70, 721–729.

Gruhn, M. A. & Compas, B. E. (2020). Effects of maltreatment on coping and emotion regulation in childhood and adolescence: A meta-analytic review. Child Abuse & Neglect, 103, 104446. https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2020.104446

Härter, P., Poncet, M., Tombez, N. & Zesiger, A. (2015). Ressourcenaktivierung in der beraterisch-therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Erziehungsdirektion des Kantons Bern.

Klingenberg, I. & Süß, S. (2020). Coping und Resilienz. WiSt – Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 49, 18–22. https://doi.org/10.15358/0340-1650-2020-4-18

Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. New York, NY: Springer.

Lohaus, A., Domsch, H. & Fridrici, M. (2007). Stressbewältigung für Kinder und Jugendliche: positiv mit Stress umgehen lernen; konkrete Tipps und Übungen; Hilfen für Eltern und Lehrer. https://pub.uni-bielefeld.de/record/2919494

Milek, A. & Bodenmann, G. (2018). Stressbewältigung. In Springer eBooks (S. 557–568). https://doi.org/10.1007/978-3-662-54909-4_28

Zimmer‐Gembeck, M. J., Lees, D. & Skinner, E. A. (2011). Children’s emotions and coping with interpersonal stress as correlates of social competence. Australian Journal Of Psychology, 63, 131–141.