
6 Tipps für eine starke Bindung und deren positive Auswirkungen
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Einleitung
Eine sichere Bindung gleicht einem tragfähigen Fundament: Sie ist nicht immer sichtbar, aber sie entscheidet darüber, wie stabil ein Kind Belastungen, Entwicklungsschritte und Krisen bewältigen kann. Eltern wünschen sich, ihr Kind zu stärken, ihm Selbstvertrauen mitzugeben und es gut vorbereitet auf seinen eigenen Lebensweg zu begleiten. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist das Wissen des Kindes um eine verlässliche, sichere Basis – die emotionale Bindung zu seinen Bezugspersonen.
Doch was genau bedeutet „sichere Bindung“ eigentlich? Wie ist dieses Konzept entstanden, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen ihm zugrunde und welche langfristigen Auswirkungen hat die Qualität der Eltern-Kind-Bindung auf die emotionale, soziale und psychische Entwicklung bis ins Erwachsenenalter?
In diesem Blogartikel nehmen wir Sie zunächst mit in die historische Entwicklung der Bindungsforschung und erläutern zentrale Begriffe und Forschungsergebnisse. Anschließend zeigen wir Ihnen anhand von sechs konkreten, alltagsnahen Tipps, wie Sie die Bindung zu Ihrem Kind gezielt stärken können. Ziel ist es, Ihnen fachlich fundierte Orientierung und zugleich praktische Anregungen für den Familienalltag zu geben.
Bindung: Forschung und Pioniere
Die Bindungstheorie wurde von Dr. John Bowlby begründet, welcher Kindern ein Bindungssystem zuschrieb. Demnach suchen Kinder nach Nähe und Schutz bei einer Bezugsperson, vor allem bei Angst oder Gefahr. Es kommt zu einer sicheren Bindung, wenn Kinder schon im frühen Alter die Erfahrung machen, dass sie bei ihrer primären Bezugsperson Schutz bei Gefahr finden. Daraus entwickeln sich bei den Kindern bestimmte Erwartungen, die dann ihr Interaktionsverhalten steuern. Diese Erfahrungen haben für die Kinder weitreichende Konsequenzen und können ihre Persönlichkeitsentwicklung sowie die Gestaltung von Beziehungen bis ins Erwachsenenalter prägen (Ainsworth & Bowlby, 1991). Dahingegen gibt es auch eine unsichere Bindung, wobei diese im nächsten Absatz näher beschrieben wird.
Dr. Mary Ainsworth entwickelte die Theorie weiter und unterschied die folgenden drei Typen: (1) Sicherer Bindungstyp, (2) ängstlich-ambivalenter Bindungstyp sowie (3) vermeidender Bindungstyp (Ainsworth et al., 1987). Besteht eine sichere Bindung, so weiß das Kind, sich in Gefahrensituationen auf die Hilfe und Unterstützung der Bezugsperson zu verlassen und erlebt diese als verlässlich und einfühlsam.
Bei der ängstlich-ambivalenten Bindung zeigt die Bezugsperson eine ambivalente Haltung, ist also einmal fürsorglich, einmal abweisend. Das Kind kann das Verhalten nicht mehr nachvollziehen und vorhersagen. Dadurch reagiert das Kind schnell mit Angst und befürchtet, die Bindungsperson zu verlieren.
Der vermeidende Bindungstyp ist dadurch gekennzeichnet, dass Kinder weniger Fürsorge erfahren und negativ auf starke Emotionsausbrüche reagiert wird. Deshalb lernen diese ihren Gefühlsausdruck, vor allem bei negativen Gefühlen, zu reduzieren oder zu unterdrücken (Wettig, 2009).
Für eine sichere Bindung sind vor allem die Erfüllung der Grundbedürfnisse und das Wissen über diese von Bedeutung. In seiner Konsistenztheorie stellt Dr. Klaus Grawe vier psychologische Grundbedürfnisse vor (Grawe, 2004). Diese sind das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle, der Lustgewinn oder auch Unlustvermeidung, ein Bindungsbedürfnis sowie ein Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung, beziehungsweise -schutz. Menschen sind stets bestrebt, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Es kommt vor allem dann zu positiven Erfahrungen, wenn Personen in einem Umfeld aufwachsen, welches stark auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse eingestellt ist.
Dass in frühen Jahren die Nähe zur Mutter und eine soziale Bindung von großer Bedeutung sind, konnte Dr. Harry Harlow bereits in den 60er Jahren zeigen. Er fand in Experimenten mit Affen heraus, dass intensiver Körperkontakt von enormer Bedeutung ist. So war beispielsweise das spätere Großziehen von eigenen Kindern kaum möglich, wenn die Affen als Jungtiere Isolation und Deprivation erfahren hatten (Harlow et al., 1965). All diese Entwicklungen tragen zum heutigen Verständnis von Bindung bei, wie im Folgenden näher erläutert wird.
Merkmale einer sicheren Bindung
Eine sichere Bindung kann sich entwickeln, wenn die Bezugsperson die Signale ihres Kindes bemerkt bzw. erkennt, diese dann richtig interpretiert und anschließend gebührend und unmittelbar reagiert (Ainsworth & Bowlby, 1991). Von den Eltern ist also eine gewisse Feinfühligkeit gefragt. Ahnert (2022) beschreibt hierbei, dass das Kind spüren muss, dass es verstanden wird. Die Feinfühligkeit ist gekennzeichnet durch fortwährenden Kontakt und nachvollziehbares, verlässliches Verhalten (Wettig, 2009).
Wenn ein Kind also beispielsweise weint, sollten die Eltern dies als Signal erkennen und dann interpretieren, ob das Kind sich beispielsweise weh getan hat. Daraufhin sollte angemessen und sofort, also nicht erst nachdem andere Aufgaben erledigt wurden, reagiert werden. Wenn sich Eltern in solchen Situationen immer wieder wie oben beschrieben verhalten, also gleiches Verhalten zeigen, wird dies für das Kind vorhersagbar. Bei einer unsicher-ambivalenten Bindung wüsste das Kind nicht, ob fürsorglich und tröstend oder abweisend reagiert wird und beispielsweise andere Aufgaben erledigt werden. Bei einer vermeidenden Bindung würde oft negativ auf das Weinen reagiert werden, zum Beispiel durch Ablehnung oder der Aussage, es solle „sich mal zusammenreißen.“
Die Qualität im Umgang mit den Grundbedürfnissen ist bis ins Erwachsenenalter von Bedeutung, wenn die emotionale Reife – die Fähigkeit, mit eigenen Emotionen angemessen umgehen zu können – eingetreten ist (Ahnert, 2022). Somit verankert sich bei dem Kind eine emotionale Sicherheit, weil es erkennt, dass in entscheidenden Situationen zuverlässig und passend agiert wird (Heinrichs & Lohaus, 2020).
Forschungsergebnisse zur Eltern-Kind-Bindung
Eine sichere Bindung hat laut empirischer Studien positive Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter:
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Schon im Alter von neun Jahren zeigt sich, dass eine sichere Bindung mit der Fähigkeit, mit emotionaler Belastung oder Stress gut umgehen zu können, zusammenhängen (Tabachnick et al., 2021).
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Die Feinfühligkeit der Eltern und Anerkennung des Kindes als fühlendes, denkendes und schützenswertes Wesen führt bei dem Kind zu psychischer Sicherheit (Ahnert, 2022).
Im häuslichen Umfeld ist das Gespräch über die eigenen Gefühlszustände von großer Bedeutung. Dabei sollten Kinder dazu ermuntert werden, mitzuteilen, wenn sie negative Gefühle erleben. Anschließend sollten Eltern gemeinsam mit den Kindern nach möglichen Lösungen suchen, um mit den negativen Emotionen umzugehen und diese zu reduzieren (Ahnert, 2022). Kinder lernen dabei, ihre eigenen Gefühle besser zu verstehen und zu artikulieren. Dadurch kann dem Kind geholfen werden, den eigenen Emotionen nicht ausgeliefert zu sein.
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Explorationsverhalten: Ein Kind wird sich dann trauen, eine neue, für sich potenziell gefährliche Umgebung zu erkunden, wenn eine Sicherheitsbasis besteht, also eine Bezugsperson, die Schutz gewährleistet (Ahnert, 2022).
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Die Eltern-Kind-Beziehung kann einen Einfluss auf spätere romantische Beziehungen haben und dazu beitragen, wie im Rahmen dieser mit Veränderungen und Anpassungen umgegangen wird (River et al., 2022).
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Auch hat sich gezeigt, dass Bindungserfahrungen über Generationen weitergegeben werden. Hat ein Kind also eine sichere Bindung zu seiner Mutter, so wird das Kind höchstwahrscheinlich auch mit seinen Kindern eine sichere Bindung aufbauen können (Wettig, 2009).
6 Tipps für Eltern
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Stärken Sie die Autonomie Ihres Kindes, ohne Überforderung und mit einer gewissen Sicherheit. Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und fangen Sie es auf, wenn Unsicherheit oder Misserfolge (vgl. Blogbeitrag Schon wieder gescheiter(t) – Vom Misserfolg zur Lernchance) bestehen (Ahnert, 2022). Wenn Ihr Kind beispielsweise einmal alleine einkaufen gehen will, dann sollten Sie ihm das zutrauen und bei möglichen Unsicherheiten erreichbar sein.
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Unterstützen Sie Ihr Kind bei der Emotionsregulation. Hören Sie zu, und zeigen Sie Verständnis und versuchen Sie, wenn nötig, das Kind aufzufangen (Ahnert, 2022). Ist Ihr Kind sehr wütend, dann ignorieren Sie es nicht, sondern hören Sie zu und helfen ihm, seine Emotionen wieder zu regulieren.
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Zeigen Sie Verlässlichkeit. Auch wenn Probleme oder Fehler aufkommen, ist es von Bedeutung, Ihrem Kind zu zeigen, dass Sie stets ansprechbar und erreichbar sind (Heinrich & Lohaus, 2020). Wenn Ihr Kind einmal nicht Ihre Regeln befolgt und etwas vergeigt, schließen Sie es nicht aus.
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Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie es als eigenständiges Wesen ernst nehmen. Sie können Ihr Kind mitbestimmen lassen und es nicht stets bevormunden (Ahnert, 2022). Beispielsweise können Sie Ihrem Kind Regeln erklären, warum Sie diese aufstellen und als wichtig empfinden und sie nicht einfach nur durchsetzen.
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Stärken Sie die Individualität und Fähigkeiten Ihres Kindes. Zeigen Sie dabei Ihrem Kind Wertschätzung und machen ihm Mut (Wettig, 2009). Wenn Ihr Kind anders als die Norm ist und mal „aus der Reihe tanzt“, dann unterstützen Sie es dabei.
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Wenn Ihr Kind Ihnen Signale der Not zeigt, reagieren Sie unmittelbar und schenken ihm Sicherheit (Heinrichs & Lohaus, 2020). Wenn es also wie im obigen Beispiel weint, sollten Sie zeitnah auf das Kind zugehen und es trösten.
Fazit
Bindung entsteht nicht durch einzelne perfekte Momente, sondern durch viele kleine, wiederkehrende Erfahrungen von Verlässlichkeit, Feinfühligkeit und emotionaler Präsenz. Es sind alltägliche Interaktionen – ein aufmerksames Zuhören, ein ernst gemeintes Trösten, ein respektvoller Umgang mit Gefühlen, die darüber entscheiden, ob ein Kind innere Sicherheit entwickeln kann. Das elterliche Verhalten spielt dafür eine entscheidende Rolle und kann aktiv gestaltet werden.
Eine sichere Eltern-Kind-Bindung bildet die Grundlage für Selbstständigkeit, emotionale Reife und die kindliche Fähigkeit, mit Stress, Misserfolgen und zwischenmenschlichen Herausforderungen umzugehen. Kinder, die sich verstanden und geschützt fühlen, trauen sich eher, ihre Umwelt zu erkunden, Beziehungen einzugehen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Manchmal stoßen Eltern dabei an Grenzen oder sind unsicher, wie sie in herausfordernden Situationen bindungsförderlich reagieren können. Bei der TALENT SAFARI unterstützen wir Eltern dabei, diese Prozesse nicht nur zu verstehen, sondern auch individuelle, alltagstaugliche Wege zu finden, gerade im Hinblick auf Herausforderungen des Familienalltags. Im Rahmen von psychologischer Beratung geben wir fundierte Impulse und konkrete Handlungsempfehlungen, um die Beziehung zum eigenen Kind zu stärken und eine harmonische, tragfähige Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig zu fördern.
Lotte Vogler
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Referenzen
Ahnert, L. (2022). Frühe Bindung: Entstehung und Entwicklung. München: Reinhardt. https://www.reinhardt-verlag.de/55359_ahnert_fruehe_bindung/.
Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Lawrence Erlbaum. https://doi.org/10.1002/1097-0355(198021)1:1%3C68::AID-IMHJ2280010110%3E3.0.CO;2-3.
Ainsworth, M. S. & Bowlby, J. (1991). An ethological approach to personality development. American Psychologist, 46, 333–341.
Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.
Harlow, H. F., Dodsworth, R. O. & Harlow, M. K. (1965). Total social isolation in monkeys. Proceedings of the National Academy of Sciences, 54, 90–97.
Heinrichs, N. & Lohaus, A. (2020). Klinische Entwicklungspsychologie kompakt: Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Weinheim: Beltz.
River, L. M., Treter, M. O., Rhoades, G. K. & Narayan, A. J. (2021). Parent-Child Relationship Quality in the Family of Origin and Later Romantic Relationship Functioning: A Systematic Review. Family Process, 61, 259–277.
Tabachnick, A. R., He, Y., Zajac, L., Carlson, E. A. & Dozier, M. (2021). Secure attachment in infancy predicts context-dependent emotion expression in middle childhood. Emotion, 22, 258–269.
Wettig, J. (2009). Schicksal Kindheit: Kindheit beeinflusst das ganze Leben – Fakten statt Mythen – Verständlich und klar. Heidelberg: Springer.
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