
Medienkompetenz: Chancen und Risiken moderner Medien ( 1 | 2 )
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Einleitung
Das Internet und die digitalen Medien sind aus der heutigen Welt nicht mehr wegzudenken. Da sie zunehmend alle Bereiche unseres Lebens durchdringen, ist die Medienkompetenz eine immer wichtiger werdende Grundlage für Kinder und Erwachsene. Sie gilt als Schlüsselkompetenz, ermöglicht Bildungs- und Teilhabechancen, fördert die persönliche Entwicklung und unterstützt eine selbstbestimmte und souveräne Lebensgestaltung (Neuß, 2013). Aufgrund der rasanten Entwicklung der digitalen Medien steht ein jeder vor der Herausforderung, sich kontinuierlich an Neuerungen anzupassen und dazuzulernen.
Besonders für Kinder und Jugendliche, die sich laut der WHO in einer vulnerablen Lebensphase befinden, ist es wichtig, einen gesunden Umgang mit den digitalen Medien zu erlernen. In der Gesellschaft kursieren zahlreiche Meinungen zu Vor- und Nachteilen von digitaler Mediennutzung. In folgendem Blogartikel erläutern wir auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen Vor- und Nachteile der digitalen Mediennutzung und tragen somit dazu bei, dass Sie sich einen Überblick über die Thematik verschaffen können.
Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen
Der WHO zufolge sind Kinder und Jugendliche, vor allem in der Altersspanne von 10-19 Jahren, vulnerabel in Bezug auf psychische Erkrankungen. Dies wird durch die Tatsache deutlich, dass laut WHO eines von sieben Kindern und Jugendlichen dieser Altersspanne psychisch erkrankt ist und viele psychische Erkrankungen in der genannten Altersspanne beginnen. Dies kann unter anderem dadurch begründet werden, dass mit dieser Altersspanne eine Reihe von körperlichen, emotionalen und sozialen Veränderungen einhergehen, welche die Anfälligkeit für psychische Probleme erhöhen können. Zudem verändern sich die Hirnstrukturen, was nach Crone und Konijn (2018) zu einer steigenden Risikobereitschaft, emotionaler Reaktivität und Ansprechbarkeit für Belohnungen führt.
Die Relevanz, sich mit der Thematik der Mediennutzung speziell in dieser Altersgruppe zu befassen, ergibt sich einerseits aus der erläuterten Bedeutsamkeit der Lebensphase sowie durch die aktuelle Präsenz digitaler Medien in der Gesellschaft. Paschke und Thomasius (2024) betonen beispielsweise den rasanten technologischen Fortschritt und die zunehmende Präsenz digitaler Medien im Alltag. Für viele Kinder und Jugendliche ist die ständige Nutzung digitaler Medien Normalität und nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Dementsprechend bilden Kinder und Jugendliche einen wesentlichen Anteil an Nutzerinnen und Nutzern.
Eine aktuelle Studie vom Medienpädagogischen Medienverbund Südwest aus dem Jahr 2024 untersuchte den Medienumgang in Deutschland in der Altersspanne von 12 bis 19 Jahren mit 1.200 Teilnehmenden. Durchschnittlich sind Kinder und Jugendliche dieser Studie zufolge insgesamt 3,5 Stunden in ihrer Freizeit täglich online. Die Nutzung digitaler Medien ist über verschiedene Geräte wie Computer, Tablets, Smartphones, Fernseher oder Radios möglich. Smartphones sind in genannter Altersgruppe jedoch das primäre Mittel zur Mediennutzung.. Die häufigsten Online-Aktivitäten sind die Smartphonenutzung (98%), das Internet (96%) und das Hören von Musik (93%). Der Konsum von Videos beläuft sich auf 85% der Kinder und Jugendlichen und 75% spielen digitale Spiele. Die Nutzung sozialer Medien und Apps zur Kommunikation ist ebenfalls ein zentraler Bestandteil der Mediennutzung.
Eine andere Studie der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften aus dem Jahr 2017 untersuchte Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren und befragte diese sowie deren Eltern zum Mediennutzungsverhalten ihrer Kinder. Es wurde deutlich, dass die Mediennutzung zwar ein wesentlicher Bestandteil der Freizeitgestaltung war, jedoch trotzdem nicht-mediale Freizeitaktivitäten wie Spielen und Sport in dieser Altersgruppe beliebter waren.
Deutlich macht diese Studie zudem, dass ab einem Alter von 10-11 Jahren die Mediennutzung bedeutsamer wird. Digitale Medien werden häufiger und länger genutzt. Außerdem hängt dieser Studie zufolge das Mediennutzungsverhalten der Kinder mit dem Mediennutzungsverhalten der Eltern zusammen. Eltern haben also eine wichtige Rolle, wenn es um den Medienumgang ihrer Kinder geht. Wie Eltern positives Vorbild sein können und wie sie einen gesunden Medienkonsum der Kinder unterstützen können, wird in einem späteren Abschnitt thematisiert.
Vor- und Nachteile digitaler Mediennutzung
Die Thematik der digitalen Mediennutzung ist aufgrund der bereits erläuterten hohen gesellschaftlichen Relevanz ein häufiges Diskussionsthema. Es kursieren zahlreiche Mythen über potenzielle Auswirkungen von Mediennutzung. Im Folgenden werden wir mithilfe wissenschaftlicher Forschung Vor- und Nachteile digitaler Mediennutzung kritisch betrachten.
(1) Lernen und Entwicklung
Nach Manfred Spitzer beeinträchtigen digitale Medien sowohl die Entwicklung als auch die Bildung von Kindern und Jugendlichen. Er etablierte dafür den Begriff der „digitalen Demenz“ und löste damit intensive Diskussionen in der Wissenschaftsgemeinschaft aus.
In Bezug auf die Bildung ermöglichen digitale Medien eine zeitlich und örtlich flexible Informationsgewinnung und Weiterbildung. In einer Metaanalyse von Stegmann (2020) zeigte sich beispielsweise, dass in der Schule genutzte digitale Medien positive Effekte auf den Lernerfolg haben, wenn sie kognitive Lernprozesse fördern. Auch Appel und Schreiner (2014) berichteten, dass die Kombination von face-to-face Unterricht in Verbindung mit internetbasierten Lerneinheiten (“blended learning”) positive Auswirkungen auf den Lernerfolg hat.
Somit zeigt sich, dass digitale Lernmethoden im Schulkontext durchaus Vorteile haben und nicht, wie Manfred Spitzer befürchtet, die Bildung von Kindern und Jugendlichen negativ beeinflusst. Jedoch bringt nicht allein der Einsatz digitaler Medien automatisch positive Lerneffekte mit sich. Es kommt auf einen gezielten und kompetenten Einsatz dieser an, so dass entsprechende Aktivitätsniveaus erreicht werden können, in denen sich positive Auswirkungen auf den Lernerfolg zeigen.
Bezüglich der Entwicklung hat die digitale Mediennutzung weiterhin den Vorteil, dass die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben unterstützt wird. Darunter fallen die Entwicklung von Identität und einer gesellschaftlichen Rolle, sowie die Autonomie losgelöst von den Eltern. Zudem unterstützt die Mediennutzung das Erschaffen von Zukunftsperspektiven sowie Wertvorstellungen.
(2) Soziales
Eine weitere verbreitete Befürchtung bezieht sich auf sozialen Rückzug und Einsamkeit durch intensive Mediennutzung. Dies konnten Appel und Schreiner zufolge jedoch nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden. Im Gegenteil, es gibt einige soziale Vorteile digitaler Medien. Diese umfassen die Kommunikation mit Freundinnen und Freunden sowie die Vernetzung mit anderen (Paschke & Thomasius, 2024). Internetnutzung steht zudem in positivem Zusammenhang mit gesellschaftlichem Engagement (Appel & Schreiner, 2014). Außerdem ist es für viele Kinder und Jugendliche eine Möglichkeit zur Unterhaltung und Entspannung.
Neben den sozialen Vorteilen digitaler Medien besteht andererseits die Gefahr von beleidigenden Kommentaren bis hin zu Cybermobbing. In einer Studie vom Medienpädagogischen Medienverbund Südwest aus dem Jahr 2024 haben beispielsweise 57% der Kinder und Jugendlichen von Beleidigungen berichtet, davon waren 11% selbst betroffen. Neben den sozialen Vorteilen geht mit digitaler Mediennutzung folglich die potenzielle Gefahr von Beleidigungen und Cybermobbing einher, welche nicht außer Acht gelassen werden sollten.
(3) Psychische Gesundheit
Eine häufige Sorge digitaler Mediennutzung thematisiert die Auswirkungen von Medienkonsum auf das psychische Befinden. In einer Metaanalyse von Santos et al. (2023) wurde der Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und mentaler Gesundheit von Kindern und Jugendlichen untersucht. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass eine intensive Mediennutzung, vor allem am Smartphone und im Rahmen sozialer Medien, mit einem verminderten psychischen Wohlbefinden und einem verminderten Selbstwertgefühl einhergehen, sowie bei Mädchen das Risiko für Depressionen erhöht.
Allerdings ist die Dauer der Bildschirmzeit allein nicht aussagekräftig. Stattdessen spielen die Medieninhalte, Nutzungsmotive und weitere äußere Einflussfaktoren wie Schlaf oder der sozioökonomische Status eine wesentliche Rolle, wenn es um die Auswirkungen von Medienkonsum auf das psychische Wohlbefinden geht. Dies ist aktuell Gegenstand der Forschung, sodass man pauschalisierende Aussagen und Verallgemeinerungen in Bezug auf den Medienkonsum vermeiden sollte.
Im Rahmen der digitalen Mediennutzung können Kinder und Jugendliche zudem mit Inhalten konfrontiert werden, welche ein gewisses Gefahrenpotential aufweisen (Paschke & Thomasius, 2024). Darunter fallen Fake News, Verschwörungstheorien, pornografische Inhalte, extreme politische Ansichten und Propaganda, welche vor allem in der Phase der Findung von Identität und Wertvorstellungen Spuren hinterlassen können. Zudem können Daten missbraucht werden.
In der Studie vom Medienpädagogischen Medienverbund Südwest aus dem Jahr 2024 gaben beispielsweise 61% der Jugendlichen an, innerhalb des vergangenen Monats mit Fake News konfrontiert worden zu sein. Gewalthaltige Medieninhalte, wie beispielsweise gewalthaltige Computerspiele, stehen nach Krahé (2023) und mehrere wissenschaftliche Studien zudem in Zusammenhang mit aggressivem Verhalten. Nach Khurana et al. (2019) ist der Konsum von gewalthaltigen Medieninhalten nach Impulsivität und Konflikten innerhalb der Familie der drittstärkste Prädiktor für aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen.
(4) Suchtverhalten
Ein weiterer wichtiger Aspekt digitaler Mediennutzung bezieht sich auf eine problematische Nutzung von Computerspielen. Die Internet Gaming Disorder (IGD) wurde der WHO zufolge in die aktuelle Version der Internationalen Klassifikation von Diagnosen (ICD-11) aufgenommen. Um eine Diagnose stellen zu können, müssen bestimmte Diagnosekriterien über einen Zeitraum von zwölf Monaten erfüllt sein. Das Krankheitsbild zeichnet sich nach Lindenberg und Sonnenschein (2024) dadurch aus, dass es zu einem Kontrollverlust in Bezug auf das Spielen kommt, das Spielen zunehmend Vorrang vor anderen Aktivitäten hat und andere Lebensbereiche vernachlässigt werden, sowie das Spielen trotz negativer Konsequenzen fortgeführt wird. Außerdem muss ein Leidensdruck vorliegen.
In einem anderen Diagnosemanual, dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5), müssen für die Vergabe der Diagnose 5 von insgesamt 9 Kriterien zutreffen.
Insgesamt betrifft die Internet Gaming Disorder nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Nach Wölfling (2021) liegt die Prävalenz weltweit bei ca. 3%. Computerspiele an sich haben jedoch nicht lediglich negative Auswirkungen. Vielmehr ist nach Breiner und Kolibius (2019) das Spielgenre, die Persönlichkeit der spielenden Person sowie deren Stimmungslage, der Spielkontext und deren Interaktion entscheidend für die Auswirkungen von Computerspielen. Nach Breiner und Kolibius (2019) können sich Computerspiele, richtig eingesetzt, auch vorteilhaft auf den Wissenserwerb, die visuelle Aufmerksamkeit und das räumliche Denken auswirken.
Fazit
Betrachtet man die bisher vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zur digitalen Mediennutzung, so kann man zusammenfassen, dass es sowohl positive als auch negative Auswirkungen gibt. Jedoch sollte man von pauschalisierenden Aussagen und Schwarz-Weiß-Denken Abstand nehmen. Die Thematik ist sehr vielschichtig und die Auswirkungen der Mediennutzung hängen von den genutzten Medieninhalten, den Nutzungsmotiven und weiteren Umweltfaktoren ab. Dort kommen Sie als Eltern ins Spiel. Denn Sie können Ihr Kind über potenzielle Gefahren des Medienkonsums aufklären sowie ein positives Vorbild sein. Wie genau Sie vorgehen können, erklären wir Ihnen im bald erscheinenden nächten Blogartikel. Dort informieren wir Sie darüber, wie Sie als Eltern einen positiven Einfluss auf die Mediennutzung Ihres Kindes ausüben können.
Amelie Sauermann & Laura Zinndorf
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Referenzen
Appel, M. & Schreiner, C. (2014): Digitale Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung. Psychologische Rundschau, 65, 1–10.
Biermann, R. (2023a). Computerspielforschung: Interdisziplinäre Einblicke in das Digitale Spiel und Seine Kulturelle Bedeutung. Opladen: Verlag Barbara Budrich.
Biermann, R. (2023b). Computerspielforschung: Interdisziplinäre Einblicke in das Digitale Spiel und Seine Kulturelle Bedeutung. Opladen: Verlag Barbara Budrich.
Breiner, T. C. & Kolibius, L. D. (2019). Computerspiele: Grundlagen, Psychologie und Anwendungen. Heidelberg: Springer.
Crone, E. A. & Konijn, E. A. (2018). Media use and brain development during adolescence. Nature Communications, 9, 588.
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Khurana, A., Bleakley, A., Ellithorpe, M. E., Hennessy, M., Jamieson, P. E. & Weitz, I. (2019). Media violence exposure and aggression in adolescents: A risk and resilience perspective. Aggressive Behavior, 45, 70–81.
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